INNOVATION AUS VERBINDUNG
Ralf F. Broekman und Olaf Winkler im Gespräch
mit Moritz Waldemeyer
Moritz Waldemeyer, bei der Suche nach Gestaltern „who are
making the future“ bist Du im englischen Icon Magazine in diesem
Jahr auf Platz 1 der Designer gewählt worden – obwohl Du
nicht als Designer im eigentlichen Sinne ausgebildet bist, sondern
in London Mechatronics studiert hast. Wie verstehst Du
Dich selbst? Sind disziplinäre Zuordnungen dabei für Dich von
Bedeutung?
Ich bevorzuge die Bezeichnung „Designer“, da sie eine Kombination
aus kreativer und technischer Arbeit beschreibt. Aber die Definition
ist eigentlich nicht so wichtig; mir macht es Spaß über verschiedene
Fachbereiche hinweg zu arbeiten und diese zu kombinieren.
Du hast neben Deinen eigenständigen Arbeiten unter anderem
mit Ron Arad, Zaha Hadid oder Hussein Chalayan zusammengearbeitet.
Wonach suchen sie, wenn sie Dich kontaktieren; wie
läuft die Zusammenarbeit ab?
Andere Designer haben oft Ideen, die über ihre technischen Fähigkeiten
hinausgehen. Ich habe mir in der Designszene unter anderem
auch dafür einen Namen gemacht, dass ich diese Ideen umsetzen
kann. Dabei hilft es, dass ich mich sowohl in der kreativen wie
auch in der technischen Welt wohl fühle. Ich arbeite manchmal fast
wie ein Dolmetscher an diesen Projekten und übersetze die kreativen
Ideen in eine technische Sprache.
Hussein Chalayan sagte im Gespräch mit build, Technologie sei
das einzige verbleibende Mittel, um im Bereich der Mode Neues
zu schaffen. Siehst Du in dieser Hinsicht einen Trend, der bereits
über die Arbeiten einzelner „Pioniere“ hinausweist?
Diesen Trend gibt es auf jeden Fall im Bereich von Produktdesign,
Möbel, Interior und Architektur und in der modernen Kunst. Vielleicht
etwas weniger in der Mode, da es hier noch größere BerührungsaÅNngste
mit der modernen Technik gibt.
Das vielleicht wichtigste Element vieler Deiner Designs ist die
Nutzung von LEDs und Lasern. Du hast beispielsweise für die
Band „OK Go“ Kostüme mit integrierten LEDs entworfen, die
wie Screens funktionieren, und mit Hussein Chalayan an Kleidung
mit servogetriebenen Lichtbeams gearbeitet. Wo liegen
die besonderen Möglichkeiten, die Faszination?
Die Nutzung von Lasern und LEDs erlaubt dem Modedesigner, ein
völlig neues Element in die Mode zu integrieren: das Licht. Damit
kann man sehr starke Emotionen wecken, und das auf eine Art und
Weise, die bisher sehr wenig erforscht und genutzt worden ist. Das
Licht erlaubt völlig neue Innovationen in einer Branche, die seit
hunderten von Jahren mit den gleichen Elementen arbeitet: Stoffen
und der menschlichen Anatomie. Es ist eigentlich erstaunlich, dass
die Modewelt diese Möglichkeit nur recht langsam akzeptiert.
Inwieweit lässt sich, zumindest mittelfristig, von einer Mutation
der Objekte reden, von einer zweiten, temporären Natur, die
den Charakter jenseits des unmittelbar Materiellen völlig verändert?
Ich glaube, ein Teil der internationalen Designwelt bewegt sich von
der reinen Funktion weg und interessiert sich mehr für die Emotion,
die ein Objekt erwecken kann. Und damit kommen wir an einem
Punkt an, wo Kunst und Design nicht mehr getrennt werden
können. Wie gesagt, die interessanten Innovationen entstehen,
wenn sich verschiedene kreative Bereiche vermischen.
Ein wichtiges Element Deiner Arbeit ist die Wandelbarkeit, die
jenseits der reinen Lichttechnologie auch Aspekte der Aura, der
Stimmung, der Inszenierung beinhaltet. Inwieweit spielt die
Reflektion heterogener Lebensstile – bei ein und derselben Person
–, das Verschmelzen und Wechseln kultureller Fragmente
eine Rolle?
Ich glaube, dass sich die verschiedenen kulturellen Einflüsse meist
im Unterbewusstsein in meine Arbeit einbringen. Schon allein im
Londoner Alltag wird man ständig mit den verschiedensten Kulturen
konfrontiert, und dann verreist man des öfteren und schon fühlt
man sich als Weltbürger. Nur ein Beispiel: meine Tochter wächst
dreisprachig auf – das Verschmelzen der Kulturen ist die Kultur unserer
Generation und drückt sich dadurch sicher auch in meiner Arbeit
aus, ohne dass ich mir darüber überhaupt jemals Gedanken
machen muss.
Wie wichtig ist der Einfluss der Sub-, Pop- und Club-Kultur für
Dich bzw. der Gesamtkomplex virtuelle Welten?
Das sind für mich zwei grundsätzlich verschiedene Fragen: Subkulturen
haben für mich eine äußerst wichtige Funktion, da sie das
Ausleben verschiedener Fantasien und Kreativität erlauben, und das
ist für mich ungeheuer inspirierend. Das Internet hilft dabei als
Kommunikationsmittel. Virtuelle Welten auf der anderen Seite sind
eine interessante Idee, die letztendlich nur sehr enttäuschend umgesetzt
wurde. Die reale Welt ist viel zu interessant und aufregend
und gewinnt im Vergleich mit großem Vorsprung.
Wie funktioniert die Außenwahrnehmung Deiner eigenen Projekte?
Und landest Du eher in einer technoiden Nische, im
Kunstkontext oder im Bereich progressiven Designs?
Ich würde sagen, dass ich mich meistens in der Welt des Designs
bewege, ich habe viele Kontakte in diesem Bereich und der Großteil
der Presseanfragen kommt von der internationalen Designpresse.
Was mich allerdings am meisten interessiert, sind die Randbereiche,
wo sich verschiedene kreative Disziplinen treffen und mischen.
Moritz Waldemeyer, geboren 1974 in Halle, zog Mitte
der 90er-Jahre nach London, wo er European Business
Administration an der Middlesex University und
Mechatronics am Kings College studierte. Von 2001
bis 2004 arbeitete er als Research Scientist an den
Philips Research Labs in Redhill, England. Moritz
Waldemeyer überschreitet in seiner Tätigkeit als
Designer die klassischen Grenzen der Disziplin und
gilt als einer der internationalen Pioniere bei der innovativen
Verbindung von Technologie, Design, Kunst
und Mode. Neben eigenen Projekten, die insbesondere
vom ungewöhnlichen Einsatz von Licht und LEDs
geprägt sind, kooperiert Waldemeyer mit renommierten
Architekten, Designern und Modedesignern. Dazu
zählen etwa Zaha Hadid, Ron Arad oder auch Hussein
Chalayan, mit dem Waldemeyer mehrere technologisch
aufwändige, wandelbare, mit Lasern und Servomotoren
ausgestattete Kollektionen realisierte. Als das englische
Icon Magazine im Frühjahr 2009 über die zukünftig
einflussreichsten Gestalter abstimmen ließ,
wurde Moritz Waldemeyer auf Platz 1 der Designer
gewählt.
www.waldemeyer.com
Fotos: Moritz Waldemeyer (5), Courtesy of Swarovski (3), Simon Procter, Courtesy of DuPont Corian (2)

