EINE BESONDERE NORMALITÄT
David Chipperfield, die Attribute, die im Zusammenhang mit Ihrer Architektur fallen, sind immer wieder: pur, simpel, elegant. Beschreiben diese Schlagworte Ihre Arbeit ansatzweise richtig?
Man kann die Arbeiten von jedem Architekten auf sehr unterschiedliche Weise beschreiben. Es hat immer damit zu tun, wie man die Bauten wahrnimmt, und das ist in der Regel eben subjektiv. Von daher ist die Verschlagwortung immer eine Betrachtung von außen, die nicht wirklich trifft. Ich denke, wie wir die Sprache nutzen, ist eine Sache – aber die Wirklichkeit ist komplexer. Welche Prioritäten setze ich bei der Auseinandersetzung? Was ist die Rolle von Design? Das als eine generelle Frage zu diskutieren, ist sehr schwierig. Für mich hat jedes einzelne Projekt seine ureigenen Bedingungen. Und der Architekt muss sich jedes Mal neu die Fragen stellen: Was ist das Potential? Was ist die Ausgangssituation? Welche Lösungen bieten sich aufgrund der Gegebenheiten an, welche schließen sich aus? Das ist für mich wichtig. Ich fange nicht mit einem Design an, sondern mit der Frage: Worum geht es?
Viele erfolgreiche Kollegen bauen auch mit der Zielsetzung, Ikonen zu schaffen. Ist Ihr Ego kleiner, dass Sie so dezent bauen?
Nein. Was ich versuche, ist, eine Symbiose zu schaffen aus Bekanntem und Unbekanntem. Mich interessiert es nicht, zu schockieren. Ich glaube nicht, dass die Verbindung zwischen Architektur und einem Betrachter oder Nutzer über einen Schock hergestellt werden sollte. Es gibt Projekte und Zeitpunkte, bei denen solche Ambitionen nach dem Spektakulären vielleicht sinnvoll sind. Meistens aber wollen wir uns mit einem Gebäude wohl fühlen und eine Beziehung mit dem Gebäude aufbauen und uns nicht in der Rolle des Beobachters einer Merkwürdigkeit wieder finden. Architektur soll für mich einen humanistischen Aspekt haben. Architektur soll für mich einen angemessenen Level an Design haben. Angemessen ist für mich nicht durchschnittlich, aber auch nicht befremdlich. Mich interessiert eine besondere Normalität. Ich mag die Idee, dass ein Gebäude an dem richtigen Platz steht, dass es das Recht hat, da zu sein, dass es eine Vertrautheit herstellt, aber nicht nullachtfünfzehn ist. Diese Balance zu finden, ist extrem schwierig.
Sie haben in großen Büros sehr prägender Architekten gearbeitet, die sich deutlich von dem unterscheiden, was Sie fasziniert. Nehmen wir nur Norman Foster, in dessen Entwürfen Technologie eine wichtige Rolle spielt. Bei Ihnen tritt diese beinahe unsichtbar in den Hintergrund. War das ein Prozess der Emanzipation, sich von einem Helden Ihrer frühen Jahre zu befreien?
Bei Foster und Rogers zu arbeiten, war für mich eine großartige Erfahrung. Nicht vordergründig unter dem Gesichtspunkt, ihren formalen Anspruch zu lernen oder zu übernehmen. Es war für mich großartig zu erleben, wie professionell so große Büros arbeiten und wie der analytische Prozess für ein Projekt abläuft. Sie benutzen eine andere Formensprache und andere Werkzeuge, um sich einem Projekt zu nähern. Aber sie haben mich unter den verschiedensten Aspekten sehr inspiriert. Und sie nehmen ihre Verantwortung sehr ernst. Als ich in den 70ern und 80ern bei Rogers und Foster gearbeitet habe, waren sie die Repräsentanten einer neuen Professionalität im Vergleich zu den altmodischen Architekten, die gerade in England Gentlemen waren und sehr amateurhaft, nicht wirklich klar in ihrem Denken. Es war sehr beeindruckend zu sehen, dass das auch anders geht. Dass es zum Beispiel einen analytischen Ansatz für Architektur gibt.
Trotzdem trennen Sie Stilfragen von den beiden.
Für mich ist Struktur in einem Gebäude nicht das Wichtigste. Sie kann wichtig sein, sie kann unwichtig sein. Le Corbusier hat gesagt: Man kann Säulen zeigen oder sie verstecken, das ist egal.
Danke für die Brücke zu den modernen Klassikern. Sie sind als Experte in eine Bauhaus-Runde geladen worden, bei der es um die Wiederherstellung der Walter-Gropius- und der Moholy-Nagy-Villa geht. Was ist Ihr Bezug zur Bauhaus-Schule?
Ich habe nur ein paar Empfehlungen gegeben, wie man vorgehen kann. Aber zum Thema: Bauhaus hat jeden Architekten beeinflusst, es ist Teil unserer Geschichte. Meine Generation, also Architekten wie Herzog & de Meuron – wir haben studiert, als die Moderne sehr kritisch beäugt wurde. Man kann die Richtung nicht negieren, man kann sie kritisieren, aber es ist eine fundamentale Lehre, wie Architektur veränderte gesellschaftliche Bedingungen antizipiert. Irritierenderweise bin ich vom Bauhaus Dessau nicht um Rat gefragt worden, weil ich eine Verbindung zum Bauhaus habe, sondern weil ich mich durch die Arbeit mit dem Neuen Museum in Berlin intensiv mit der Konservierung historischer Gebäude auseinander gesetzt habe. Ich bin eine Art Experte geworden, der sich dem Thema nicht buchstabengetreu nähert, sondern der interpretiert. In Deutschland ist mein Profil stark beeinflusst durch die Arbeit am Neuen Museum.
Dafür haben Sie auch viel Kritik einstecken müssen. Es war ein Prozess über elf Jahre bis zur Fertigstellung. Jetzt werden Sie bejubelt. Wie anstrengend war es, mit der harschen Kritik umzugehen?
Ich glaube, man muss sich treu bleiben und den Kurs halten. Man muss überzeugt sein von dem, was man tut. Man muss Leuten zuhören und auf sie hören. Und man muss in der Lage sein, auf Kritik und Fragen zu antworten. Mehr kann man eigentlich nicht leisten. Ich höre immer zu. Das war und ist extrem wichtig. Ich bin mir aber auch darüber im Klaren, dass man nicht alle glücklich machen kann. Die kritischen Stimmen reflektieren aber auch nicht immer die Realität. Die kritischen Stimmen in Berlin wurden durch die Medien verstärkt. Der Lärm war groß und es wurde angenommen, dass Massen dahinter stehen. Am Ende war es mehr ein Echo als eine Menge. Als das Museum der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, zeigte sich, dass die Berliner viel offener sind, als die Medien glauben machen wollten. Es sah ja zwischenzeitlich so aus, als ob ich jeden gegen seine Überzeugung für meine Entwürfe einnehmen wollte. Aber um ehrlich zu sein, die Presse hat das Thema sehr überstrapaziert. In eine negative Richtung. Die Kritik, die in der Presse geäußert wurde, war, ehrlich gesagt, nur Lärm und nicht sehr fundiert.
Noch eine Berlin-Frage: Sie setzen sich ja intensiv mit der Stadt auseinander, haben eines Ihrer drei Büros dort. Wie beurteilen Sie den Abriss des Palastes der Republik?
Der ganze Platz, an dem er stand, ist in einer sehr merkwürdigen Art historisch kontaminiert. Das Problem ist ja nicht durch den Abriss des Palastes der Republik entstanden, sondern durch den Abriss des Stadtschlosses, das durchaus hätte gerettet werden können. Der Palast der Republik wurde ja ganz ignorant auf diesen Platz gestellt, gegen den Formbestand der Stadt. Das Schloss hatte ein absolutes und wichtiges Volumen, mit dem Schlusspunkt Unter den Linden und der Lage zur Museumsinsel. Der Palast der Republik hat eine sehr merkwürdige Urbanität geschaffen. In Bezug zur Geschichte hat er unstrittig eine signifikante Rolle gespielt. Mit dem Aufmarschplatz, dem eher hässlichen und gleichzeitig faszinierenden Gebäude. Ich bedauere den Abriss des Schlosses und ich bedauere den Abriss des Palastes der Republik. Aus diesem Durcheinander ein neues Kind zu gebären – das ist jetzt schon eine Waise; eine künstliche Blume. Wie verwirrend kann die Auseinandersetzung mit dem Ort noch werden...
David Chipperfield, geboren 1953 in London, studierte an der Kingston School of Art und an der Architectural Association in London. Nach seinem Abschluss arbeitete er in den Büros von Douglas Stephen, Richard Rogers und Norman Foster. 1984 gründete er sein eigenes Büro David Chipperfield Architects, das heute mit über 180 Mitarbeitern Niederlassungen in London, Berlin und Mailand sowie eine Vertretung in Schanghai betreibt. Chipperfield, in Deutschland einem weiteren Publikum insbesondere durch den Umbau des Neuen Museums in Berlin bekannt geworden, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Andrea Palladio Prize (1993), die Heinrich Tessenow Goldmedaille (1999) sowie der RIBA Sterling Prize (2007), und jüngst für seine Leistungen für die Architektur im Vereinigten Königreich und in Deutschland zum Ritter erhoben. Ende Januar wurde Chipperfields Neubau für das Museum Folkwang in Essen eröffnet.
www.davidchipperfield.co.uk










