Moritz Waldemeyer

Waldemeyer
tl_files/build/interview/09_6/waldemeyer.jpgINNOVATION AUS VERBINDUNG
Ausgabe 06/2009
Ralf F. Broekman und Olaf Winkler im Gespräch mit Moritz Waldemeyer

Moritz Waldemeyer, bei der Suche nach Gestaltern „who are making the future“ bist Du im englischen Icon Magazine in diesem Jahr auf Platz 1 der Designer gewählt worden – obwohl Du nicht als Designer im eigentlichen Sinne ausgebildet bist, sondern in London Mechatronics studiert hast. Wie verstehst Du Dich selbst? Sind disziplinäre Zuordnungen dabei für Dich von Bedeutung?
Ich bevorzuge die Bezeichnung „Designer“, da sie eine Kombination aus kreativer und technischer Arbeit beschreibt. Aber die Definition ist eigentlich nicht so wichtig; mir macht es Spaß über verschiedene Fachbereiche hinweg zu arbeiten und diese zu kombinieren.

Du hast neben Deinen eigenständigen Arbeiten unter anderem mit Ron Arad, Zaha Hadid oder Hussein Chalayan zusammengearbeitet. Wonach suchen sie, wenn sie Dich kontaktieren; wie läuft die Zusammenarbeit ab?
Andere Designer haben oft Ideen, die über ihre technischen Fähigkeiten hinausgehen. Ich habe mir in der Designszene unter anderem auch dafür einen Namen gemacht, dass ich diese Ideen umsetzen kann. Dabei hilft es, dass ich mich sowohl in der kreativen wie auch in der technischen Welt wohl fühle. Ich arbeite manchmal fast wie ein Dolmetscher an diesen Projekten und übersetze die kreativen Ideen in eine technische Sprache.

Hussein Chalayan sagte im Gespräch mit build, Technologie sei das einzige verbleibende Mittel, um im Bereich der Mode Neues zu schaffen. Siehst Du in dieser Hinsicht einen Trend, der bereits über die Arbeiten einzelner „Pioniere“ hinausweist?
Diesen Trend gibt es auf jeden Fall im Bereich von Produktdesign, Möbel, Interior und Architektur und in der modernen Kunst. Vielleicht etwas weniger in der Mode, da es hier noch größere Berührungsängste mit der modernen Technik gibt.

Das vielleicht wichtigste Element vieler Deiner Designs ist die Nutzung von LEDs und Lasern. Du hast beispielsweise für die Band „OK Go“ Kostüme mit integrierten LEDs entworfen, die wie Screens funktionieren, und mit Hussein Chalayan an Kleidung mit servogetriebenen Lichtbeams gearbeitet. Wo liegen die besonderen Möglichkeiten, die Faszination?
Die Nutzung von Lasern und LEDs erlaubt dem Modedesigner, ein völlig neues Element in die Mode zu integrieren: das Licht. Damit kann man sehr starke Emotionen wecken, und das auf eine Art und Weise, die bisher sehr wenig erforscht und genutzt worden ist. Das Licht erlaubt völlig neue Innovationen in einer Branche, die seit hunderten von Jahren mit den gleichen Elementen arbeitet: Stoffen und der menschlichen Anatomie. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Modewelt diese Möglichkeit nur recht langsam akzeptiert.

Inwieweit lässt sich, zumindest mittelfristig, von einer Mutation der Objekte reden, von einer zweiten, temporären Natur, die den Charakter jenseits des unmittelbar Materiellen völlig verändert?
Ich glaube, ein Teil der internationalen Designwelt bewegt sich von der reinen Funktion weg und interessiert sich mehr für die Emotion, die ein Objekt erwecken kann. Und damit kommen wir an einem Punkt an, wo Kunst und Design nicht mehr getrennt werden können. Wie gesagt, die interessanten Innovationen entstehen, wenn sich verschiedene kreative Bereiche vermischen.

Ein wichtiges Element Deiner Arbeit ist die Wandelbarkeit, die jenseits der reinen Lichttechnologie auch Aspekte der Aura, der Stimmung, der Inszenierung beinhaltet. Inwieweit spielt die Reflektion heterogener Lebensstile – bei ein und derselben Person –, das Verschmelzen und Wechseln kultureller Fragmente eine Rolle?
Ich glaube, dass sich die verschiedenen kulturellen Einflüsse meist im Unterbewusstsein in meine Arbeit einbringen. Schon allein im Londoner Alltag wird man ständig mit den verschiedensten Kulturen konfrontiert, und dann verreist man des öfteren und schon fühlt man sich als Weltbürger. Nur ein Beispiel: meine Tochter wächst dreisprachig auf – das Verschmelzen der Kulturen ist die Kultur unserer Generation und drückt sich dadurch sicher auch in meiner Arbeit aus, ohne dass ich mir darüber überhaupt jemals Gedanken machen muss.

Wie wichtig ist der Einfluss der Sub-, Pop- und Club-Kultur für Dich bzw. der Gesamtkomplex virtuelle Welten?
Das sind für mich zwei grundsätzlich verschiedene Fragen: Subkulturen haben für mich eine äußerst wichtige Funktion, da sie das Ausleben verschiedener Fantasien und Kreativität erlauben, und das ist für mich ungeheuer inspirierend. Das Internet hilft dabei als Kommunikationsmittel. Virtuelle Welten auf der anderen Seite sind eine interessante Idee, die letztendlich nur sehr enttäuschend umgesetzt wurde. Die reale Welt ist viel zu interessant und aufregend und gewinnt im Vergleich mit großem Vorsprung.

Wie funktioniert die Außenwahrnehmung Deiner eigenen Projekte? Und landest Du eher in einer technoiden Nische, im Kunstkontext oder im Bereich progressiven Designs?
Ich würde sagen, dass ich mich meistens in der Welt des Designs bewege, ich habe viele Kontakte in diesem Bereich und der Großteil der Presseanfragen kommt von der internationalen Designpresse. Was mich allerdings am meisten interessiert, sind die Randbereiche, wo sich verschiedene kreative Disziplinen treffen und mischen.


Moritz Waldemeyer, geboren 1974 in Halle, zog Mitte der 90er-Jahre nach London, wo er European Business Administration an der Middlesex University und Mechatronics am Kings College studierte. Von 2001 bis 2004 arbeitete er als Research Scientist an den Philips Research Labs in Redhill, England. Moritz Waldemeyer überschreitet in seiner Tätigkeit als Designer die klassischen Grenzen der Disziplin und gilt als einer der internationalen Pioniere bei der innovativen Verbindung von Technologie, Design, Kunst und Mode. Neben eigenen Projekten, die insbesondere vom ungewöhnlichen Einsatz von Licht und LEDs geprägt sind, kooperiert Waldemeyer mit renommierten Architekten, Designern und Modedesignern. Dazu zählen etwa Zaha Hadid, Ron Arad oder auch Hussein Chalayan, mit dem Waldemeyer mehrere technologisch aufwändige, wandelbare, mit Lasern und Servomotoren ausgestattete Kollektionen realisierte. Als das englische Icon Magazine im Frühjahr 2009 über die zukünftig einflussreichsten Gestalter abstimmen ließ, wurde Moritz Waldemeyer auf Platz 1 der Designer gewählt.
www.waldemeyer.com

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