Larry Sultan in der kestnergesellschaft
Das im Rücken von Los Angeles gelegene San Fernando Valley ist geografischer Schauplatz von Larry Sultans Kindheit und Kulisse seiner künstlerischen Arbeit gleichermaßen. Seine drei in der kestnergesellschaft erstmals gemeinsam gezeigten Serien „Pictures from Home“, „The Valley“ und „Homeland reflektieren das Leben der in Kalifornien lebenden und arbeitenden Menschen. In seiner Arbeit verwebt Larry Sultan die idyllischen Erinnerungsräume seiner Kindheit mit gesellschafts– und sozialpolitischen Themenkomplexen. Damit schafft Sultan überzeitliche und widersprüchliche Bilderwelten, die lange in der Wahrnehmung der Betrachter nachhallen.
Die Serie „Pictures from Home“ (1982-1992) wurde ursprünglich als Künstlerbuch publiziert und zählt zu den Meilensteinen der Fotografiegeschichte. Ursprünglich als politisch motivierte Untersuchung des Familienbildes während der Reagan-Ära angelegt, entfaltet sich „Pictures from Home“ zu einer poetischen Erzählung über die Grenzlinien von dokumentarischer und privater Fotografie. In der kestnergesellschaft ist die Serie erstmals in Deutschland zu sehen und wird mit Fotografien, Wandtexten und Filmstills als Rauminstallation präsentiert. In „The Valley“ (1998-2004) untersucht Sultan die Drehorte der kalifornischen Pornofilmindustrie, die sich zur Filmproduktion in typischen amerikanischen Mittelklassehäusern einmietet. Sultans künstlerischer Fokus liegt dabei weniger auf einer moralischen Bewertung von Pornografie. Vielmehr interessiert er sich für das häusliche Leben der Vorstadt als symbolisch aufgeladene Kulisse bestimmter Wertvorstellungen. Mit minutiösem Blick zeigt er die Insignien der amerikanischen Mittelklasse sowie die Filmdarsteller während den Drehpausen und erforscht zugleich die Grenzen von Fiktion und Wahrheit. In seiner jüngsten Serie „Homeland“ (2006-2009) rückt der Mythos um die kalifornische Landschaft mitsamt der faktischen Besiedelungsgeschichte in den Vordergrund. In pittoreske und malerisch wirkende Fotografien postiert er südamerikanische Einwanderer, die er dafür verpflichtet hat. Die Serie wirft weiter gehende Fragen rund um die Themen Besitz und Identität auf. Wem kann ein Land gehören?
Kalifornien erscheint in Sultans Werk als metaphorisches Prisma zur Reflexion globaler Themen, die in jeder Serie auf unterschiedliche Weise thematisiert werden: Es geht um Arbeit, Begehren, Besitz, Freizeit, Heimat. Die künstlerische Überbrückung der Kluft zwischen einer konzeptuellen Vorgehensweise, die das Wahrheitspotenzial fotografischer Bilder anzweifelt, und einer emotional unterlegten Beschäftigung mit Themen wie Heimat macht Sultans Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Fotografie aus. Larry Sultan hat wesentliche Teile der Ausstellung noch vor seinem unerwartet frühen Tod im Dezember 2009 konzipiert.
Larry Sultan | Katherine Avenue
Ausstellung vom 11. Juni bis 22. August 2010
kestnergesellschaft
Hannover
www.kestner.org
Abbildungen:
Larry Sultan: Suburban Street in Studio – aus der Serie The Valley, 2000
Larry Sultan: Cul-de-sac, Antioch – aus der Serie Homeland, 2008
Larry Sultan: Dad at Dusk – aus der Serie Pictures from Home, 1986
Larry Sultan: Dad on Bed – aus der Serie Pictures from Home
Larry Sultan: New Homes, Inland Empire – aus der Serie Homeland, 2008
Larry Sultan: Mulholland Drive #2 – aus der Serie The Valley, 2000
alle © The Estate of Larry Sultan
Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln
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